Eine neue Jugendarbeits-Ausbildung auf HF-Niveau?
pal Dienstag, 27. April 2004, 08:41
Eine ganz neue Ausbildung für Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter soll entstehen. Speziell daran ist das dabei geplante Ausbildungsniveau Höhere Fachschule.
Seit Jahren wird in Fachkreisen der ausserschulischen Jugendarbeit der mangelnde Nachwuchs beklagt. Auf viele Stellenausschreibung melden sich kaum Bewerber/-innen. Deshalb gab die Kommission der Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit Zürich Anfang 2002 den Auftrag zur Konzeptarbeit.
Nach intensiven Abklärungen und Vorarbeiten kommt die aus Vertretern/-innen beider Landeskirchen und des Dachverbands offene Jugendarbeit DOJ zusammengesetzte Projektgruppe zum Schluss, dass eine neue Jugendarbeitsausbildung auf Niveau Höhere Fachschule angeboten werden soll. Denn Absolventen/-innen von Fachhochschulen seien in Bezug auf Jugendarbeit zu theorielastig ausgebildet und würden in der Regel nur kurz an Jugendarbeitsstellen arbeiten. Gefragt sei also eine theoretisch fundierte, aber klar praxisorientierte Ausbildung mit sozialräumlichem Ansatz.
Die Ausbildung auf HF-Niveau hat auf dem Markt nur dann Chancen, wenn eine spätere Anschlussmöglichkeit für HF-Absolventen/-innen an eine FH zu akzeptablen Bedingungen gewährleistet werden kann. Natürlich ist das Vorhaben aus bildungs- und wettbewerbspolitischen Gründen nicht unumstritten.
Gegenwärtig laufen konkrete Verhandlungen mit Ausbildungsstätten, welche eine neue Ausbildung aufnehmen und in ihre vorhandene Studienstruktur integrieren können. Nächste grosse Aufgabe wird die Finanzierung sein. Der Start des ersten Studiengangs ist auf 2005 oder 2006 geplant.


Von Reto Eugster am Dienstag, 27. April 2004, 15:24
Zitat: "Nach intensiven Abklärungen und Vorarbeiten kommt die aus Vertretern/-innen beider Landeskirchen und des Dachverbands offene Jugendarbeit DOJ zusammengesetzte Projektgruppe zum Schluss, dass eine neue Jugendarbeitsausbildung auf Niveau Höhere Fachschule angeboten werden soll."
Sind diese Abklärungen transparent zugänglich? Wo?
Zitat: "Denn Absolventen/-innen von Fachhochschulen seien in Bezug auf Jugendarbeit zu theorielastig ausgebildet und würden in der Regel nur kurz an Jugendarbeitsstellen arbeiten."
Worauf stützt sich diese Aussage KONKRET? Interessant ist hier zu wissen, auf Basis welcher Daten solche Schlüsse gezogen werden. Wir nehmen an, dass auch hier die nötige Daten- und Methodentransparenz gewährleistet ist ... und wir noch mit genaueren Informationen rechnen können.
Zitat: "wenn eine spätere Anschlussmöglichkeit für HF-Absolventen/-innen an eine FH zu akzeptablen Bedingungen gewährleistet werden kann"
Die Situation ist bildungspolitisch und rechtlich klar.
Mein Fazit: Bildungspolitisch halte ich dieses Vorgehen für mindestens ungeschickt. Die Jugendarbeit verortet sich damit selbst, jenseits ihrer Möglichkeiten. Es wäre den Akteuren durchaus zuzumuten, Standards zu setzen und mit den Fachhochschulen in die Auseinandersetzung zu gehen.
Von Marie-Theres Beeler am Mittwoch, 28. April 2004, 10:28
Sehr geehrter Herr Eugster
Gerne melde ich mich als Leiterin des von Ihnen zitierten Projektes zu Wort. Es gibt zum Projekt zwei Zwischenberichte, die Sie gerne einsehen können. Der zweite ist auf der Homepage der Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit als pdf deponiert (http://www.kath.ch/jugend/fachstelle/downloads/Bericht.pdf
Passwort: Ausbildung), den ersten schicke ich Ihnen gerne als Attachment, wenn Sie mir Ihre E-Mail bekannt geben. Auch die Resultate der Bedarfsanalyse kann ich Ihnen gerne zur Verfügung stellen.
Die von ihnen ins Feld geführten bildungspolitischen und bildungsmarktspezifischen Überlegungen wurden zwei Jahre lang in der Projektgruppe und in den daran beteiligten Organisationen der Arbeitswelt (offene Jugendarbeit und kirchliche Jugendarbeit beider Konfessionen) intensiv und auch kontrovers diskutiert. Hinter der Entscheidung HF steckt eine intensive Auseinandersetzung und sie basiert auf den Resultaten einer Bedarferhebung und aus den Schlüssen aufgrund der derzeitigen bildungspolitischen Bewegungen im Bereich HF.
Die Kooperation zwischen einer Ausbildung auf Niveau HF und den FHs ist hoch willkommen. Es gibt eine Fachhochschule, die bereits Interesse bekundet hat, bei der Gestaltung einer Passerelle zu kooperieren. Eine Zusammenarbeit mit der FH St. Gallen wäre hoch willkommen.
Mich interessiert die Informationsquelle über unser Projekt. Die Aussage, dass die Fachhochschulen zu theorielastig ausbilden, werden Sie so in den Zwischenberichten nicht finden.
Mit freundlichen Grüssen
Marie-Theres Beeler
Von Reto Eugster am Mittwoch, 28. April 2004, 15:50
Sehr geehrte Frau Beeler
Vielen Dank für die hilfreichen Klärungen! Gerne studieren wir die Unterlagen - und wir sind auch daran interessiert, Kooperationsmöglichkeiten ins Auge zu fassen. Zurzeit bietet die FH in Rorschach ja bereits einen Nachdiplomkurs in Sozialraumorientierter Jugendarbeit. Ueber die Quelle des Artikels kann ich nichts sagen, die Moderation hat Daniel Fels inne (der das nun sicher liest usw.). Tatsächlich, das haben sie richtig eingschätzt, habe ich mich an dieser Formulierung (theorielastig) "entzündet". Danke! E-Mail: reto.eugster (at) fhsg.ch.
Von Dani Fels am Donnerstag, 29. April 2004, 09:37
Die Quelle sind Fachleute aus der offenen und kirchlichen Jugendarbeit, die der geplanten Ausbildung auf HFS-Niveau kritisch bis ablehnend gegenüber stehen.
Sie haben die Publikation angeregt, um eine öffentliche Diskussion anzuregen, was offenbar gut gelungen ist.
Als Leiter des NDK Sozialraumorientierte Jugendarbeit habe ich ein grosses Interesse daran, mit dem Dachverband DOJ und Vertretungen der kirchlichen Jugendarbeit zu kooperieren. Der NDK ist sehr praxisorientiert konzipiert. So wird beispielsweise jeder theoretische Input von einer Praxisstudie begleitet.
Das wird auch bei der ab November 2004 geplanten 2. Durchführung so bleiben. Garanten dafür sind die im Fachteam vertretenen PraktikerInnen aus der offenen und kirchlichen Jugendarbeit, die zugleich als DozentInnen fungieren und auf deren Anstoss der NDK partizipativ entwickelt wurde.
Hören wir doch auf, Wasser in den Rhein zu tragen und widmen uns besser der Optimierung des Flusslaufs ;)
E-Mail: dani.fels (at) fhsg.ch
Von Marie-Theres Beeler am Freitag, 30. April 2004, 10:51
Gerne melde ich mich noch einmal zu Wort, um auf die heftige Äusserung von Dani Fels zu reagieren. Die Projektgruppe hat sich über den NDK informiert, findet das Konzept gut und ist der Meinung, dass jede Initiative zur Unterstützung dieses Berufsfeldes notwendig ist. Die geplante Ausbildung richtet sich an ein komplett andere Publikum als ein NDK, welches eine Ausbildung auf Tertiärstufe voraussetzt. Hier wird keine Konkurrenz aufgebaut, die den doj vor die Entscheidung stellen würde, welches Angebot jetzt unterstützenswerter wäre. Es sind zwei Angebote an unterschiedliche Zielgruppen, die sich meines Erachtens nur ergänzen können. Es wurde von niemandem Zweifel geäussert, der NDK sein nicht praxisorientiert. Warum diese Rechtfertigung? Völlig unnötig!
Marie-Theres Beeler
Von Dani Fels am Freitag, 30. April 2004, 14:21
Liebe Frau Beeler
Eine Richtigstellung: Mein Kommentar war in keiner Weise eine Rechtfertigung (wofür auch?). Ich habe lediglich betont, dass der NDK Sozialraumorientierte Jugendarbeit auch praxisorientiert ist und dies nicht in Abgrenzung zu bestehenden und/ oder geplanten Angeboten.
Meine alleinige Absicht war, ein Angebot zum direkten Austausch zu lancieren, in der festen Überzeugung, dass Ausbildungsangebote für die Jugendarbeit am Besten in breiter Kooperation entwickelt werden. Mein Schlusssatz, den sie möglicherweise überinterpretiert haben (so deute ich jedenfalls den Ton ihrer Reaktion), meint nichts anderes, als dass es sinnvoll wäre, ALLE Kräfte, die sich für die (sozialraumorientierte) Jugendarbeit stark machen zu bündeln und in die direkte Auseinandersetzung zu bringen.
Ich kann nur noch mal betonen: Das Gesprächsangebot gilt.
Ich freu mich über jede Kontaktaufnahme (meine Koordinaten finden sich im Impressum dieses Weblogs). Freundliche Grüsse.
Von Stefan Ritz am Dienstag, 01. Juni 2004, 09:51
kommentar aus der praxis
zurzeit studiere ich an der hsa luzern soziokulturelle animation im vollzeit studium.
ich schliesse im sommer nach drei jahren ab und die diskussion um einen weiter ausbildungsgang als "jugendarbeiterIn" finde ich spannend.
ich denke aber, wenn man/frau mit sozialräumlichem ansatz arbeiten will, muss man/frau einen background von theoretischem winssen haben. selber arbeit ich neben der schule in meiner freizeit im jugendbereich (autonome gruppen, projekte,..)
gibt es bei dieser ausbildung dann kein 2 klassengeschichte mit den jugendarbeiterInnen ?
wie sieht das mit dem lohn aus, stellen dann pfarreien und istitutionen die "billigeren" JA ein ?
braucht es nur mehr JA um jugendtreffs zu "beaufsichtigen" ?
ich persönlich bin überzeut nach 4 jahren pfarrei- und projektarbeit vor der schule in luzern, dass es eine qualitativ gute ausbildung bruacht, über mehr praxis und weniger theore kann man/frau sich streiten. ich persönlich bin auch für mehr praxis. doch bei dieser ganzen ausbidlungsbetrachtung hat man/frau auch UNS gefragt oder haben die pfarreien und istitutionen einfach zuwenig JA !!! animatorische grüss
ps. die these das JA nach dieser ausbildung an der FH ihre JA liegen lassen stimmt NICHT (zwei umfragen haben dies bestätigt!)
Von Büchel Markus am Freitag, 25. Juni 2004, 20:42
hey, hey, hey....immer schön easy! Das ist ja ziemlich heftig was hier abgeht. hier mein bescheidenes votum zum thema: ich denke in jedem fall, dass es auch für jugendarbeitende neben der soziokulturellen animation und der sozialpädagoik (ist das wirklich die schule für jugendarbeit?) auf fh niveau eine ausbildung mit geringeren aufnahme-bedingung geben soll und muss.
doch jetzt, kaum haben wir unsere schule, die hfsska zürich, eben eine solche schule auf höherer fachschule nivaeu beerdigt, kommt die idee zu eben einer solchen ausbildung, bravo!
somit habe ich mich auch geoutet, ich bin soziokultureller animator hfs und mache das nds gsr an der hsa luzern, d.h. habe bald auch fh niveau! mein vorschlag: macht enldich mal wieder ein symposium! und zwar nicht nur die gwa'ler oder die animatorinnen sondern gemeinsam die in der jugendarbeit-tätigen und lasst uns dort ausbildungen diskutieren!